Alle Kinder sollen sich bedingungslos angenommen fühlen

10/2022

Zur Autorin: Eike Ostendorf-Servissoglou ist Germanistin und seit rund 20 Jahren als Redakteurin und freie Autorin tätig. Die Frühpädagogik bildet einen ihrer thematischen Schwerpunkte. Sie lebt und arbeitet in Gerlingen bei Stuttgart. 

Die Pädagogin Corinna Scherwath aus Hamburg spricht sich für eine bindungsorientierte Pädagogik in Kitas aus. Sie berichtet, warum das Gefühl der Verbundenheit so grundlegend ist, und wie es Erzieher*innen gelingen kann, die eigene Kita zu einem Raum emotionaler Sicherheit für die Kinder zu machen. Denn das ist die entscheidende Grundlage für eine hohe Kita-Qualität. 

„Liebe lässt Gehirne wachsen“: So lautet der Titel eines Buches von Corinna Scherwath. Die Hamburger Sozialpädagogin und Kinder- sowie Jugendtherapeutin plädiert darin für eine bindungsorientierte Pädagogik in der Kita. Denn sichere Bindungsbeziehungen seien fundamental für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder. Sie ermöglichten psychische Stabilität, Gesundheit und Potenzialentfaltung, betont sie.

„Das Bedürfnis nach einer sicheren Bindung ist tief im Menschen verwurzelt, denn die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ist überlebenswichtig“,

sagt die Expertin. „Es ist nicht nur Aufgabe der Eltern, Kindern diese Sicherheit zu bieten.“ Wenn Kitas gute Bildungseinrichtungen sein wollten, müssten sie zuallererst Bindung ermöglichen. Denn Lernen setzt emotionale Sicherheit voraus. 

Wertschätzung erfahren 

Doch was bedeutet das konkret? „Die Kinder sollen sich auf und über uns als Erzieher*innen freuen“, betont Corinna Scherwath. „Das geschieht dann, wenn es entspannt ist, mit uns zusammen zu sein. Wenn Lebendigkeit, Verzeihen und Freude das Zusammenleben bestimmen, wenn jede*r sein darf, wie er oder sie ist, und niemand das Gefühl hat, es den anderen recht machen zu müssen.“ Idealerweise ist die Kita ein Raum, in dem Kinder Zuwendung, Wertschätzung und Halt erfahren und bedingungslos angekommen werden. Sie können sich in einer solche Kita darauf verlassen, dass die Bindung hält und Erwachsene ihnen zur Seite stehen, auch in Situationen, in denen die Gefühle mit ihnen durchgehen und sie „schwierig“ sind. 

Ausschluss aus der Gruppe ist die Höchststrafe 

Das ist nicht selbstverständlich. Zahlreiche pädagogische Maßnahmen bewirken das Gegenteil. Vielerorts sind zum Beispiel Auszeiten oder Strafen üblich, um kindliches Verhalten so zu reglementieren, dass es in eine vorgegebene Norm passt. Doch ein Ausschluss aus der Gruppe ist eine emotionale Höchststrafe und potenziert den Stress für das betroffene Kind. Gerade in schwierigen Situationen, in denen Kinder belastet und überfordert sind, wäre es wichtig, in Beziehung zu treten und Hilfestellung zu leisten.  

Umgang in der Kita als Modell für menschliche Beziehungen 

Bindungsorientierte Pädagogik ist eine Frage der Haltung der Erzieher*innen, die damit eine Atmosphäre emotionaler Sicherheit, Zugehörigkeit und Verbundenheit für alle Kinder schaffen können. Manche befürchten, dass Einrichtungen, die eine solche Pädagogik umsetzen, Egozentriker*innen hervorbringen. „Das Gegenteil ist der Fall“, sagt Corinna Scherwath aus Erfahrung. „Die Kinder fühlen sich mit sich selbst wohl, kommen gut mit sich zurecht und sind dann auch sehr freundlich zu anderen. Der Umgang der Erzieher*innen mit ihnen dient ihnen als Modell für ihre Beziehungen zu anderen.“ 

Bindungswissen und -methodik nötig 

Doch was befähigt Erzieher*innen, Beziehungen zu den Kindern in diesem Sinne zu gestalten? „Wir üben eine Beziehungsprofession aus. Das heißt, wir benötigen fachtheoretisches Bindungswissen, um gute Bindungsqualität anbieten zu können“, sagt die Sozialpädagogin. „Und wir müssen vermeiden, dass wir eigene Erfahrungen unreflektiert an die nächste Generation weitergeben. Das setzt voraus, dass wir unsere eigene Historie so reflektiert und aufarbeitet haben, dass wir ‚symptomfrei‘ auf Kinder reagieren können.“ Wissen alleine reiche jedoch nicht. Methodenkompetenz sei ebenso zentral. „Es ist wichtig zu wissen, durch welche Handlungen wir sicheres Bindungsempfinden bewirken können – auch dann, wenn eine Situation schwierig wird.“ 

Feinfühligkeit & Resonanz 

Es ist Aufgabe der Erwachsenen, Kinder zu enträtseln, herauszufinden, welche Gefühle und Bedürfnisse sie mit ihrem Verhalten ausdrücken. Erst verstehen, dann (angemessen) handeln! Das ist die Devise. Indem Erzieher*innen den Gefühlen der Kinder Worte geben und ihre Bedürfnisse für sie verbalisieren, helfen sie ihnen, sich selbst (und andere) besser zu verstehen. 

Assistenz & Hilfsbereitschaft 

„Ich wünsche mir, dass Erwachsene aufhören, zu Kindern zu sagen: ‚Das schaffst du alleine!“, sagt Corinna Scherwath. Indem Kinder Hilfe erbitten und annehmen können, zeigen sie ein sicheres Bindungsverhalten. Wenn sie sich Hilfe holen, hat das einen Grund, und es ist unhöflich, sie abzuweisen. Mit Erwachsenen würden wir das auch nicht machen. Es heißt jedoch nicht, dass wir in jeder Situation sofort zur Verfügung stehen und helfen müssen. Wenn wir gerade anderweitig beschäftigt sind, können wir zunächst sprachlich, dem Hilfebedarf des Kindes positive Resonanz schenken und unsererseits um die Kooperation des Kindes bitten. Wir können zum Beispiel sagen:  „Gut, dass du Bescheid sagst, dass du Hilfe benötigst. Wenn ich das hier fertig gemacht habe, komme ich und helfe dir.“ 

Beruhigung 

Ein Kind weint, schreit oder klammert sich an. Damit drückt es – bildlich gesprochen – den SOS-Knopf. Es befindet sich in einer sehr unsicheren emotionalen Lage und kann sich aus eigener Kraft nicht daraus befreien. Dann ist es wichtig, dass Kinder die Erfahrung machen, dass Erwachsene da sind, die zum Beispiel beruhigend mit ihnen sprechen oder sie in den Arm nehmen, und damit dafür sorgen, dass sie innerlich wieder Land sehen.  

Nähe & Präsenz 

Erzieher*innen geben Sicherheit. Wenn Kinder jedoch stark ihre Nähe suchen und sehr anhänglich sind, gilt das oft als „ungünstig“. Corinna Scherwath plädiert für eine andere Einschätzung: „Es ist eine gesunde Reaktion eines Kindes in unserer Nähe Schutz zu suchen. Es zeigt damit, dass es innerlich unruhig ist und unsere Nähe braucht, um sein Nervensystem auszubalancieren. Bindung hilft wirkungsvoll gegen Stress.“ Hat das Kind die Erfahrung gemacht, dass der sichere Hafen zuverlässig zur Verfügung steht, kann es sich zunehmend entspannter davon entfernen. Bindungsarbeit ist daher oft „Leuchtturmarbeit“: Erzieher*innen stehen am Rande des Geschehens zur Verfügung, sind sicht- und ansprechbar. Sie sind Orientierungspunkt und Rettungsanker. 

Bindungsfähigkeit steht an erster Stelle 

Bindungsorientierte Pädagogik stelle die Frühpädagogik vom Kopf auf die Füße, meint Corinna Scherwath:

„Es sollte uns nicht darum gehen, dass Kinder möglichst früh selbstständig werden. Wir sollten vielmehr sicherstellen, dass sie verlässliche Bindungen erleben und ihre Bindungsfähigkeit entwickeln. Die Selbstständigkeit kommt dann von ganz alleine. Denn die sichere Verbundenheit in der Gemeinschaft gibt ihnen die Basis, von der aus sie die Welt erobern können.“ 

Links: 

Corinna Scherwath, Institut für verstehensorientierte Pädagogik, Hamburg, https://www.verstehensorientierte-paedagogik.de 

Instagram: @verso.paed 

Corinna Scherwath, Liebe lässt Gehirne wachsen. Wie Bindungsbeziehungen Kinder in ihrer Entwicklung stärken. Ratgeber für Erzieher*innen in Krippe, Kita und Ganztag, Berlin, 2021