Das Qualitäts-Molekül

Die DNA der frühkindlichen Bildungseinrichtungen

06/2022

Zur Autorin: Sabine Hagen ist studierte Dipl. Päd. (univ.) und hat zusätzlich einen Master of Business Administration in General Management. Als ehemalige Kita-App-Anbieterin und Kita-Geschäftsführerin befasst sie sich seit über 10 Jahren mit der Digitalisierung und Qualität in Kindertageseinrichtungen und ist Mit-Initiatorin des Kitagipfels, des #KitaHackathons und des #NewKita-Ansatzes. Aktuell ist sie geschäftsführende Gesellschafterin von enTable und freiberufliche Evaluatorin bei der pädquis® Stiftung. 

 

Zu Beginn meines Beitrags möchte ich Ihnen eine Frage stellen: 

Wie definieren Sie Qualität von und in Kindertageseinrichtungen?  

In Deutschland gibt es eine Vielzahl an Qualitätssicherungssystemen, -methoden, Definitionen und Interpretationen. Von der Selbstevaluation, über das externe Audit, bis hin zur Entwicklung von Kita-Qualität aus der Perspektive von und mit Kindern. Als wissenschaftliche Disziplin ist die Qualitätsentwicklung und -sicherung ein fester Bestandteil einer jeden frühkindlichen Bildungseinrichtung. Doch was genau versteht man darunter und weshalb ist es so wichtig, dass man die Qualität nicht aus dem „Blick“ verliert? 

Qualität in Kindertageseinrichtungen ist eine Vielzahl an Aspekten, die tagtäglich ablaufen, wahrgenommen und von den großen und kleinen Menschen gesteuert werden (können). Es ist das verschlossene Tor zu Straße, die gespülte Toilette im Kindergarten- oder Krippenbereich, die Pausenzeiten der und die Räumlichkeiten für die Mitarbeitenden, die Arbeit innerhalb der pädagogischen Kernzeit oder die Auswahl an Spielmaterialien. Qualität in Kindertageseinrichtungen hat so viele Facetten, wie Individuen durch diese Einrichtungen gehen. 

Das sogenannte „Qualitäts-Molekül“ ist eine Veranschaulichung dessen, was täglich in den Kindertageseinrichtungen passiert oder mit wem diese interagieren. Die Qualität in Kitas ist die DNA einer jeden Einrichtung. Schon bei der Gründung und dem Neuaufbau dieser werden die ersten Weichen gestellt. Die Räumlichkeiten werden festgelegt, der Träger wird bestimmt und vielleicht sogar bereits die ersten Teammitglieder eingestellt. Was hat dies mit der Qualität zu tun? 

Qualität in Kindertageseinrichtungen ist eines: immer anwesend. 

Wie begrüßen Sie die Kinder am Morgen, wie partizipieren und interagieren Sie mit den Eltern, den Kindern oder untereinander? Bei einer kleinen Umfrage in den Sozialen Netzwerken wurde immer wieder ein Begriff genannt: Prozesse. Der korrekte Ablauf eines Prozesses als Definition von Qualität in Kindertageseinrichtungen. Und da wundert man sich, wenn beim Thema des Qualitätsmanagements in den Kitas geseufzt wird. Wie oben beschrieben ist Qualität eine Vielzahl an unterschiedlichen Aspekten. Natürlich gehört auch ein funktionierender Prozess dazu, doch weiß jede und jeder, dass die Arbeit mit Menschen nicht mit der von Maschinen oder dem Aufsetzen von z. B. Vertriebsstrukturen vergleichbar ist. Die Arbeit und somit die Qualität innerhalb der frühkindlichen Bildungseinrichtungen ist durch die kleinen und großen Menschen geebnet, die durch ihre Einzigartigkeit erst den Rahmen und die Qualität jeder einzelnen Kindertageseinrichtung bauen. Das Gerüst des Qualitäts-Moleküls. 

„Kinder haben ein Recht darauf, gehört, gesehen und gefragt zu werden. Sie haben ein Recht auf Beachtung und auf Achtung ihrer Menschenrechte und ein Recht „auf den heutigen Tag“. Kinder sind aktive Gestalter*innen ihrer Welt und ihrer Interaktionen mit Erwachsenen und anderen Kindern. Es gilt, ihre verschiedenen Ausdrucksformen aufmerksam wahrzunehmen, ihre Perspektive zu verstehen, sie gegebenenfalls zu „übersetzen“ und Kinder kontinuierlich und systematisch an der Entwicklung von Kita-Qualität zu beteiligen.“ (Bertelsmann (2021), S. 2) 

So schreibt es die Bertelsmann Stiftung in ihrer Begleitbroschüre zur Entwicklung von Kita-Qualität aus Kinderperspektive. Kitas, das sind oftmals von Eltern als „Black Box“ bezeichnete Einrichtungen, die bundesweit nicht als Bildungseinrichtungen anerkannt sind, sondern eher unter die Rubrik „Kinderbetreuung“ fallen. Wir erinnern uns an dieser Stelle kurz einmal an die wissenschaftliche Disziplin nicht nur der Qualitätssicherung und -entwicklung, sondern der frühkindlichen Bildung als Ganzes. 

„Nur wenn die Perspektiven der Eltern, ihrer Qualitätsvorstellungen in Bezug auf die Betreuung, Erziehung und Bildung ihrer Kinder sowie auf ihre Zusammenarbeit mit den Fachkräften transparent gemacht werden, […] können sich Eltern als relevante und anerkannte Akteure in die Qualitätsbewertung, die Entwicklung von Qualitätskriterien und die Qualitätsentwicklung einer Kita einbringen.“ (Bertelsmann (2020), S. 9) 

Eine Kita ist nur dann eine „Black Box“, wenn das Potenzial, die Vielfalt und vor allem die einzelnen Bausteine dieses „Moleküls“ nicht genug sichtbar sind. Für alle Akteur*innen. Das Qualitäts-Molekül einer Einrichtung ist einzigartig, genauso wie Ihre DNA. Es sind die unterschiedlichen Menschen, Konstellationen und Bedingungen, die eine individuelle Qualitätssicherung erst dann messbar machen können, wenn man sich seiner eigenen DNA bewusst ist. 

Ein Experiment. Nehmen Sie einen Stift und ein leeres Blatt Papier. Nun schreiben Sie alle Akteur*innen auf, die mit Ihnen in Ihrer Kita zu tun haben, dort ein und ausgehen, arbeiten oder in sonst einer Beziehung zu Ihrer Einrichtung stehen. Denken Sie an alle Bausteine, die Sie für das Gerüst ihrer Kita-DNA, Ihres Qualitäts-Moleküls benötigen. 

Bauen Sie die DNA Ihrer Kindertageseinrichtung. 

TIPP 

Natürlich verzweigen sich die einzelnen Bausteine noch weiter, für die Einfachheit reicht es jedoch erst einmal die einzelnen Bausteine zu benennen (s. Bild). 

FAZIT 

Das Qualitäts-Molekül ist die Basis für jegliche Qualitätsentwicklung und -sicherung innerhalb von Kindertageseinrichtungen. Ist man sich der einzelnen DNA-Bausteine bewusst und hat diese vor Augen, so stellt man schnell fest, dass der eine Bereich, wie z. B. die Weiterbildung der Mitarbeitenden, nicht ohne die Interaktion mit den Kindern funktioniert. Funktioniert ein Baustein nicht, hat also eine schlechte Qualität, so wirkt sich dies auf die gesamte DNA aus. Es ist daher wichtig, sich der einzelnen Steine bewusst zu sein und diese als großes Ganze im Qualitätsprozess Ihrer Einrichtung zu sehen. 

 

Quellen: