Bildungs- und Erziehungspartnerschaft - pädagogisch-dialogisches Dreieck

von Ulrike Grosse-Röthig und Katharina Queisser

Zu den Auditorinnen: Die Autorinnen sind die ehemalige und die aktuelle Bundeselternsprecherin. Ulrike Grosse-Röthig schied im Oktober 2020 aus der Bundeselternvertretung aus, arbeitet als Rechtsanwältin in Weimar und ist zugleich stellvertretende Landesvorsitzende der AWO Thüringen. Sie ist seit 3 Jahren Teil des TopKita Fachbeirates. Katharina Queisser studiert in Berlin Bildungs- und Erziehungswissenschaften. Im Oktober wurde sie erneut zur Bundeselternsprecherin gewählt.

Spätestens mit den Vorplanungen der Bundesregierung zu einem Bundesqualitätsgesetz im Bereich der frühkindlichen Bildung der Kindergärten, ist auch die Elternarbeit wieder in den Fokus gerückt. Nicht nur in Einrichtungen, deren Grundlagenkonzept explizit darauf ausgerichtet ist, wie den so genannten „Kinderläden“, sondern auch in ganz unterschiedlich ausgerichteten Einrichtungen wurde mehr und mehr deutlich: Eine gelingende Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern, Einrichtung und Träger bietet die größten Chancen, „gute Kitas“ zu realisieren und weiterzubringen.

Eltern stellen heute hohe Ansprüche an die frühkindliche Bildung. Sie befürchten, dass das eigene Kind schon früh die Chance auf einen erfolgreichen Bildungsweg verpasst, weil prekäre Erwerbssituationen, die soziale oder sprachliche Herkunft der Eltern es belasten. Oder möglicherweise aus der elterlichen Sorge heraus, dass das Kind in der Einrichtung nicht die notwendige Aufmerksamkeit erfährt, die es braucht. Eltern sehen sich neuerlichen Ängsten und Sorgen ausgesetzt, die alle Akteure in der Praxis stark beanspruchen. Die Bedarfe und Ansprüche an die Kinder und Familien werden aufgrund einer steigenden Komplexität der Lebensräume diverser und dringlicher.

Was genau der Sozialraum und all jene benötigen, die Teil einer modernen Kindertageseinrichtung sind, kann nur vor Ort und unter Beteiligung aller, gedacht und gefunden werden. Denn was genau eine Kita zur guten Kita macht, dafür gibt es kein allgemein gültiges Patentrezept.

Die Einbeziehung der Elternschaft auf Augenhöhe muss daher in der Arbeit und der konzeptionellen Ausrichtung der Einrichtung eine zentrale Rolle spielen. Ein Aneinander-vorbei-am-Kind-Arbeiten führt bei allen Beteiligten zu Frustration und letztlich zu einem voneinander Abwenden.

Räume für die Begegnung auf Augenhöhe

Es braucht die konzeptionelle Auseinandersetzung mit dem Thema Elternmitwirkung, unter den Gesichtspunkten der Machbarkeit und im Hinblick auf Kapazitäten und Ressourcen. Entscheidendes Kriterium sind dabei Räume, in denen die Begegnung auf Augenhöhe stattfinden kann. Dabei geht es um tatsächlich in der Einrichtung vorhandene Orte des Zusammen- und Aufeinandertreffens, als auch um zeitliche Freiräume und Ressourcen. Insbesondere bei den pädagogischen Fachkräften wird immer wieder von Seiten der Träger, Beschäftigten- und Elternvertretungen bemängelt, dass in den vorgesehenen Betreuungsschlüsseln solche Zeiten für mittelbare pädagogische Arbeit nicht enthalten sind. 

Einige Träger geben von sich aus und auf eigene Kosten den Fachkräften mittelbare Zeit, um zum Beispiel Angebote für die Kinder oder Elterngespräche zu planen oder auch um wichtige Austauschzeiten im Einrichtungsteam zu ermöglichen. Dieser Austausch beziehungsweise die dafür entstehenden zusätzlichen Zeitressourcen und Kosten dürfen nicht zu Lasten der Kinder gehen und können auch nicht zur Anhebung von Betreuungskosten führen. Der Bund muss in diesem Zusammenhang gemeinsam mit allen Ländern seine Versprechen einhalten und Zeit und Kosten für die mittelbare pädagogische Arbeit zur Verfügung stellen und übernehmen.

Nicht zuletzt bedarf es den Willen des Trägers und der Einrichtung, auch organisatorisch Räume für Beteiligung zu schaffen. Festgefügte Strukturen, die keine Spielräume lassen, auf Bedarfe auch reagieren und diese ausfüllen zu können, sind nicht geeignet, um ein partnerschaftliches Gegenübertreten zu ermöglichen. 

Elternarbeit ist kein Selbstläufer

Als wichtiger Teil der Elternmitwirkung wird die Elternvertretung gesehen. Dabei wählen Eltern in den Einrichtungen Elternvertreter*innen, die dann in Kitaausschüssen oder Elternbeiräten inhaltlich an bestimmten Themen mitwirken. Neben der Einbeziehung in Entscheidungen, die den pädagogischen Alltag betreffen, sind auch Feste oder Feierlichkeiten im jahreskreislichen Ablauf wichtig, die die Vielfalt der Ethnien und Religionen aufzeigen und zugänglich machen. Vor allem aber haben Eltern den Anspruch, nicht nur auf ein Festtags- und Kuchenkommitee reduziert zu werden, sondern sie wollen echte Mitwirkung und Teilhabe erleben und einbringen.

Elternarbeit ist kein Selbstläufer, es bedarf der aktiven konzeptionellen Auseinandersetzung des Einrichtungsteams. Im Idealfall erhält die Einrichtung dabei Unterstützung vom Träger und durch Fachberatungen, die das Team bei der Erarbeitung und Entwicklung von nachvollziehbaren verständlichen Inhalten und Konzepten auf dem Weg zu einer gelebten Erziehungspartnerschaft begleiten.

Elternarbeit ist anstrengend und aufwändig. Für alle Mitwirkenden bedarf es eines Perspektivwechsels. Die Sicht des anderen anzuerkennen, ist dabei die zentrale Aufgabe aller Beteiligten.

Bildungs- und Erziehungspartnerschaft ist keine Einbahnstraße. Alle Beteiligten müssen die Bereitschaft mitbringen, sich immer wieder auszutauschen und aufeinander zuzugehen. Anstatt über Konflikte zu meckern, sind Lösungen mit allen für alle zu finden. Der Dialog zwischen der Leitung, den Fachkräften und den Eltern einer Einrichtung stellt eine Kernproblematik dar, die nur durch zeitliche und räumliche Ressourcen bewältigt werden kann.

Die Elternexpertise, gespeist und erworben aus einer anderen als der fachlich pädagogischen Erfahrung und Ausbildung, hat in den vergangenen Jahren deutlich an Anerkennung gewonnen. Dennoch bleibt in der Praxis immer noch viel zu tun, damit nicht nur die Arbeit gesehen wird, sondern vor allem auch der Benefit und die Ressourcen, die eine gelungene Elternmitwirkung für die Kinder, für die in der Einrichtung tätigen Personen und für die Arbeit in der frühkindlichen Bildung darstellt.

Ausblick

Es gibt Konzepte in denen die Kindertageseinrichtung nicht als alleinstehender Kosmos gesehen wird, sondern als Teil eines Sozialgefüges. Frei nach dem Motto „Es braucht ein Dorf, um ein Kind aufwachsen zu lassen“ werden Konzepte entwickelt, in denen Einrichtungen den sie umgebenden Sozialraum in ihren pädagogischen Alltag miteinbeziehen. Zum Beispiel den Besuch im Altenheim, wo mit den Bewohnern gemeinsam gesungen wird oder die Tischlerei im Ort, die mit den Kindern Holzprojekte realisiert. Für die Zukunft der frühkindlichen Bildung wird es entscheidend sein, die den Einrichtungen zur Verfügung stehenden Ressourcen zu stärken, um den Kita-Kosmos in viele Richtungen zu öffnen.

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