Kita-Räume gestalten – gar nicht so einfach

Fachleute, die sich auf Kita-Räume spezialisiert haben, geben wertvolle Tipps.

08/2022

Zur Autorin: Eike Ostendorf-Servissoglou ist Germanistin und seit rund 20 Jahren als Redakteurin und freie Autorin tätig. Die Frühpädagogik bildet einen ihrer thematischen Schwerpunkte. Sie lebt und arbeitet in Gerlingen bei Stuttgart.

Zuhause oder in der Kita: Wir alle sind Raumgestalter*innen. Dabei halten wir uns oft an das, was traditionell üblich ist, und was wir 1.000-fach gesehen haben. Doch es geht besser! Fachleute, die sich auf Kita-Räume spezialisiert haben, geben wertvolle Tipps. 

Die Bedürfnisse der Kinder stehen an erster Stelle, wenn es um die Raumgestaltung in der Kita geht. Möblierung, Ausstattung und Material sollen sie zum Spielen, Entdecken und Gestalten aufrufen, sollen ihnen vielfältige Sinneserfahrungen sowie Rückzugsmöglichkeiten bieten. 

Verstehbare Räume 

Das gelingt dann am besten, wenn die Mädchen und Jungen Räumen bzw. Spielbereichen ihre Funktion ansehen, wenn die direkt ablesen können, dass sie hier zum Beispiel in der Bauecke, im Atelier, im Bewegungsraum oder im Rollenspielbereich sind. Übersichtlich geordnetes und ansprechend präsentiertes Zeug zum Spielen und Materialien, die die Kinder selbstständig erreichen können, tragen wesentlich dazu bei, dass die Raumfunktion sofort sichtbar ist und die Kinder mit Interesse loslegen. Fällt es schwer, eine solche Ordnung herzustellen, kann es daran liegen, dass es einfach zu viele Dinge gibt oder sie teilweise nicht in diesen Spielbereich gehören. Dann hilft es auszusortieren.

Ungestört spielen 

Haben sich Kinder für ein Spiel entschieden, sollten sie sich ganz darauf einlassen können. Das setzt voraus, dass sie im gewählten Spielbereich weitgehend ungestört bleiben.

„In vielen Kitas macht die Raumgestaltung den Kindern jedoch einen Strich durch die Rechnung“,

beobachtet der Pädagoge und Schreiner Gottfried Schilling, Geschäftsführer des Unternehmens Kameleon Raumkonzepte in Buchholz bei Hamburg und in Mainleus/ Oberfranken.

„Oft gibt es viele Verkehrswege und wenige Verweilzonen. Dadurch entsteht der Eindruck: ‚Es gibt keinen Raum für mich‘. Die Kita scheint viel zu klein zu sein.“ 

Problem: Verkehrswege stören Spielbereiche 

Die Ursache der Misere:

„Oft gehen die Menschen bei der Raumgestaltung vom Material aus. Ihre Frage lautet: ‚Wo bringen wir die Dinge unter?‘“,

erklärt Gottfried Schilling.

„Das führt dazu, dass schließlich viele Wände mit Regalen bestückt sind.“

Diese Regale erzeugten jedoch Verkehrswege, da sie regelmäßig angesteuert würden. Sämtliche Flächen davor kämen dann als ruhige Spielbereiche nicht mehr in Frage. Ähnlich schwierig seien die kleinen Tischgruppen, die in vielen Einrichtungen einen Großteil der Gruppenraumfläche „blockierten“ und jede Menge Verkehrswege schüfen.

„Abhilfe bieten flexible Lösungen, bei denen sich zum Beispiel Tische und Hocker nach Gebrauch in Regale an die Wand schieben lassen“,

sagt der Raumexperte. Die quadratischen Höckerchen dienten gleichzeitig als Spiel- und Baumaterial. 

Von den Bedürfnissen der Kinder ausgehen 

Der Schreiner und Pädagoge plädiert dafür, die Kita-Raumplanung vom Kopf auf die Füße zu stellen.

„Die erste Frage sollte sein: ‚Welche Bedürfnisse und Rechte haben die Kinder?‘. Daraus leiten sich die Möglichkeits- und Erfahrungsräume ab, die wir ihnen bieten sollten. Die Möblierung, die – zum Beispiel mit Podesten, zweiten Ebenen und Rückzugsräumen – Orte dafür schafft, ist eine Konsequenz daraus. Erst im dritten Schritt geht es schließlich darum, die Materialien zu verstauen – und zwar so, dass die Ordnung für die Kinder verstehbar ist. Sie müssen wissen, wo die Dinge ‚wohnen‘.“ 

Raum-Visionen entwickeln 

Der Stuttgarter Architekt Theo Härtner macht die Erfahrung, dass es vielen Pädagog*innen schwerfällt, sich eine neue Raumgestaltung und deren Konsequenzen für die tägliche Arbeit vorzustellen. Sie können daher Architekt*innen und Raumplaner*innen gegenüber auch schlecht benennen, welche Räume ihre Pädagogik optimal unterstützen würden. Der Architekt, der sich auf den Bau von Kitas und Schulen spezialisiert hat, schlägt Kita-Teams daher vor, zunächst in einem Workshop Raum-Visionen zu entwickeln.

„Die Erzieher*innen haben dabei die Aufgabe, sich Umgebungen vorzustellen, in denen sie unterschiedlichen Aspekten ihrer Arbeit optimal nachgehen können. Sie fertigen Zeichnungen davon an, produzieren Collagen oder bauen Papiermodelle. Die Szenarien müssen nicht realisierbar sein, die vorhandenen Räume und das zur Verfügung stehende Budget bleiben außen vor“,

erläutert der Architekt. 

Welche Qualitäten sind wichtig? 

In einem solchen Workshop wird das Zusammenspiel von Raum und Pädagogik ganz automatisch zum Thema. Warum fiel einer Person zum Beispiel ein südlicher Stand als ideales pädagogisches Setting ein? Was zeichnet diese Situation aus? Das warme Klima und die Möglichkeit, barfuß zu laufen? Der weiche Untergrund, der sich verändern und gestalten lässt? Nachdem alle Aspekte zusammengetragen sind, kann das Team gemeinsam entscheiden, welche Qualitäten in welchem Kita-Bereich besonders wichtig sind. 

Planer übersetzen Wünsche in Raumgestaltung 

Anschließend sind die Planer*innen dran. Ihre Aufgabe ist es zu schauen, wie sich die Wünsche in Architektur und Raumgestaltung übersetzen lassen. Eine Fußbodenheizung oder mit weichen Matten ausgestattete Böden wäre zum Beispiel Möglichkeiten, Aspekte des Strand-Bildes aufzugreifen. Auch mit Licht und Farben können die Fachleute gewünschte Stimmungen schaffen oder unterstützen. 

Oder: Wissen aufbauen und selbst aktiv werden 

Wer keine solchen „Übersetzungshelfer*innen“ an der Hand hat, kann die Kita-Raumgestaltung auch auf eigene Faust optimieren. Dafür ist es hilfreich, Vorträge und Seminare zur Raumgestaltung zu besuchen, Fachliteratur zu lesen oder beispielgebende Kindertagesstätten zu besuchen, um sich Anregungen für die Umsetzung zu holen. Vielleicht mag sich eine Fachkraft im Team als Raumbeauftragte federführend mit dem Thema befassen? 

 

Links: 

Kameleon Raumgestaltung GmbH & Co. KG, Gottfried Schilling: www.kameleon.de 

härtner architekten, Theo Härtner: www.h-arc.de